Was ein Handwerker wirklich kostet
Warum 70 €/Stunde nicht viel sind: Die wahren Kosten eines Handwerkers aufgeschlüsselt. Für Kunden erklärt.
Redaktion handwerk.cloud
12. Februar 2026
Sie haben gerade ein Angebot vom Handwerker bekommen. 70 € pro Stunde. Ihr erster Gedanke: „Das ist ja mehr als mein Arzt verdient." Ihr zweiter Gedanke: „Und der hat auch noch 45 Minuten Pause gemacht."
Wir verstehen das. Aber wir möchten Ihnen zeigen, was hinter diesen 70 € steckt. Denn die Wahrheit ist: Von 70 € Stundensatz bleiben dem Handwerker am Ende keine 20 €. Und die Entwicklung der letzten Jahre hat die Kosten für Handwerksbetriebe so massiv in die Höhe getrieben, dass selbst 80 € pro Stunde in vielen Gewerken kaum noch ausreichen.
Die 70-Euro-Rechnung: Was bleibt wirklich?
📊 So zerfallen 70 € Stundensatz — Schritt für Schritt
- Stundensatz brutto: 70,00 €
- – 19 % MwSt. (die der Betrieb abführt): – 11,18 €
- = Netto-Stundensatz: 58,82 €
- – Lohn Geselle (inkl. Lohnnebenkosten ~25 %): – 26,00 €
- – Fahrzeugkosten (anteilig/Stunde): – 4,50 €
- – Werkzeug & Maschinen (Abschreibung/Stunde): – 3,80 €
- – Versicherungen (BG, Haftpflicht, anteilig): – 2,20 €
- – Büro, Verwaltung, Steuerberater (anteilig): – 3,50 €
- – Arbeitskleidung & PSA (anteilig): – 1,20 €
- – Weiterbildung, Scheine, Genehmigungen: – 0,80 €
- – Gewährleistungsrückstellung: – 1,50 €
- – Angebote, die nicht zum Auftrag werden (~30 %): – 2,80 €
Verbleibender Betriebsgewinn: ca. 12,52 €/Stunde
Davon noch Einkommensteuer (~25 %): – 3,13 €
Tatsächlich beim Handwerker: ca. 9,39 €/Stunde
9,39 € von 70 €. Das sind 13,4 %. Der Rest geht an den Staat, an Versicherungen, an Fahrzeughersteller, an Werkzeugproduzenten, an den Steuerberater. Und diese 9,39 € sind keine Freizeit — das ist die Vergütung für Akquise, Buchhaltung, Personalführung und unternehmerisches Risiko.
Wie sich die Kosten in 10 Jahren entwickelt haben
| Kostenposition | 2015 | 2026 | Steigerung |
|---|---|---|---|
| Mindestlohn | 8,50 € | 13,90 € | +63 % |
| Diesel (Liter) | 1,10 € | 1,75 € | +59 % |
| Kupferrohr (15mm, pro Meter) | 3,20 € | 6,80 € | +113 % |
| Bauholz (m³) | ~200 € | ~380 € | +90 % |
| Transporter (VW Crafter, neu) | ~28.000 € | ~48.000 € | +71 % |
| BG-Beitrag (Bau, pro 1.000 € Lohn) | ~45 € | ~62 € | +38 % |
| Betriebshaftpflicht (Bau, 3 MA) | ~1.200 €/Jahr | ~2.400 €/Jahr | +100 % |
| Handwerker-Stundensatz (Durchschnitt) | ~45 € | ~65 € | +44 % |
Die Kosten sind um 60–110 % gestiegen. Die Stundensätze um 44 %. Die Differenz zahlt der Handwerker aus seiner eigenen Marge. Die Gewinnspanne wird seit Jahren kleiner — und die Kunden beschweren sich trotzdem, dass es teurer geworden ist.
Das Werkzeug-Problem: Was man heute alles braucht
Vor 20 Jahren reichte einem Elektriker ein Werkzeugkoffer, ein Messgerät und ein Verlängerungskabel. Heute?
🔧 Werkzeug-Investition: Elektrobetrieb 2026 (3 Mitarbeiter)
- Grundwerkzeug (Schraubendreher, Zangen, Messer, etc. × 3): 2.500 €
- Bohrmaschinen, Akkuschrauber (Marke, × 3 Sets): 4.500 €
- Messgeräte (Multimeter, Isolationsmesser, Duspol): 3.200 €
- Prüfgeräte (VDE 0100 Messgerät, E-Check): 4.800 €
- Thermografie-Kamera: 3.500 €
- Netzwerk- und Smart-Home-Equipment: 2.800 €
- Leitungssucher, Kabelschneider, Crimpzangen: 1.200 €
- Sicherheitsausrüstung (PSA): Helme, Handschuhe, Schutzbrillen: 1.500 €
- Steigleitern, Gerüstböcke, Arbeitsbühnen: 3.000 €
- Tablets/Laptops für digitale Dokumentation: 2.500 €
- Software-Lizenzen (CAD, Planung, Abrechnung): 1.800 €/Jahr
Erstinvestition Werkzeug: ca. 31.300 € + 1.800 €/Jahr laufend
Dazu: alle 3–5 Jahre Ersatz/Update der wichtigsten Geräte = ca. 8.000–12.000 €
Und das ist nur ein Gewerk. Ein SHK-Betrieb braucht zusätzlich Presszangen (Satz: 3.500 €), Rohrkameras (2.000 €), Schweißgeräte (1.500 €) und Spezialwerkzeug für Wärmepumpen (4.000 €). Ein Dachdecker braucht Absturzsicherungen (5.000 €), Bitumenschweißgeräte (800 €) und Aufzugssysteme (3.000 €).
Warum immer mehr Spezialwerkzeug?
- Smart Home: Der Elektriker muss heute KNX-Systeme programmieren, Netzwerke verkabeln und Smart-Home-Zentralen einrichten. Vor 10 Jahren gab es das nicht.
- Wärmepumpen: Der SHK-Installateur braucht Kältemittel-Füllgeräte, Vakuumpumpen und Manometer-Sets — Spezialwerkzeug, das es vor 5 Jahren in einem SHK-Betrieb nicht gab.
- E-Mobilität: Wallbox-Installation erfordert spezielle Messgeräte und Zertifikate.
- Digitale Dokumentation: BIM, Aufmaß-Apps, digitale Protokolle — jeder Handwerker braucht heute ein Tablet und kann Software bedienen.
- Energieeffizienz: Blower-Door-Tests, U-Wert-Messungen, Thermografie — die Anforderungen der GEG/EnEV erfordern Messinstrumente, die es früher nur bei Gutachtern gab.
Der Scheine-Wahnsinn: Was man heute alles nachweisen muss
| Schein / Zertifikat | Kosten | Dauer | Auffrischung |
|---|---|---|---|
| Asbest-Sachkundeschein (TRGS 519) | 600–900 € | 2–4 Tage | Alle 6 Jahre |
| Kältemittel-Sachkunde (EU-Verordnung) | 800–1.200 € | 3–5 Tage | Alle 5 Jahre |
| Gerüstbau-Befähigung | 350–500 € | 1–2 Tage | Alle 3 Jahre |
| Staplerschein | 150–300 € | 1 Tag | Jährlich Unterweisung |
| Hebebühnen-Führerschein (IPAF) | 400–600 € | 1–2 Tage | Alle 5 Jahre |
| Erste-Hilfe-Schein (Pflicht, alle MA) | 40–60 € / Person | 1 Tag | Alle 2 Jahre |
| Schweißschein (nach DIN EN ISO 9606) | 500–1.500 € | 1–5 Tage | Alle 2 Jahre |
| SCC-Zertifikat (Arbeitssicherheit) | 200–400 € | 2 Tage | Alle 10 Jahre |
| KMF-Sachkunde (Mineralfasern) | 300–500 € | 1 Tag | Alle 6 Jahre |
Für einen SHK-Betrieb mit 3 Mitarbeitern summiert sich das allein auf 5.000–8.000 € pro Jahr — nur für Scheine und Schulungen. Dazu kommen die Arbeitstage, an denen die Mitarbeiter nicht produktiv sind, aber trotzdem Lohn bekommen. Ein Schulungstag kostet den Betrieb also nicht nur die Kursgebühr, sondern auch 300 € entgangenen Umsatz pro Mitarbeiter.
Das Arbeitskleidungs-Chaos: 4 Jahreszeiten × 3 Sets
Ein Büroarbeiter kauft sich einmal im Jahr ein paar Hemden. Ein Handwerker braucht:
| Jahreszeit | Was gebraucht wird | Kosten × 3 Sets |
|---|---|---|
| Sommer | Kurze Arbeitshosen, T-Shirts, leichte Sicherheitsschuhe, Sonnenschutz, UV-Shirt | ~450 € |
| Übergang (Frühling/Herbst) | Arbeitshosen lang, Softshelljacke, Fleecepullover, Handschuhe leicht | ~550 € |
| Winter | Thermohose, Winterjacke (wasserdicht), Winterschuhe S3, Mütze, dicke Handschuhe, Unterziehschicht | ~700 € |
| Regenschutz | Regenjacke, Regenhose, wasserdichte Überziehschuhe | ~250 € |
Das sind ~1.950 € pro Mitarbeiter und Jahr — nur für Arbeitskleidung. Warum 3 Sets? Weil die Kleidung ständig gewaschen wird, dreckig ist oder kaputtgeht. Ein Satz in der Wäsche, ein Satz zum Anziehen, ein Satz als Reserve. Und Sicherheitsschuhe S3 (Pflicht auf den meisten Baustellen) kosten allein 80–150 € pro Paar und halten vielleicht 6 Monate bei täglichem Einsatz.
Dazu: Persönliche Schutzausrüstung ist gesetzlich Pflicht und muss vom Arbeitgeber gestellt werden. Gehörschutz, Schutzbrillen, Atemschutzmasken, Knieschoner, Absturzsicherung — je nach Gewerk nochmal 200–500 € pro Mitarbeiter und Jahr.
Das Fahrzeug-Dilemma: Zu groß, zu klein, kein Parkplatz
Ein Handwerksbetrieb in der Stadt steht vor einem unlösbaren Widerspruch:
- Er braucht Platz für Werkzeug, Material, Leitern und manchmal Maschinen → großer Transporter oder Anhänger
- Er braucht Mobilität in der Stadt → kleines, wendiges Fahrzeug, das in Parklücken passt
- Er braucht einen Parkplatz in der Nähe der Baustelle → gibt es nicht, Anwohnerparken, Parkverbote, und Knöllchen für den Transporter
🚐 Was ein Handwerker-Fahrzeug wirklich kostet (2026)
- VW Crafter/Sprinter (Neupreis): 42.000–55.000 €
- Leasing (60 Monate): ~680 €/Monat
- Vollkasko + HK: ~220 €/Monat
- Diesel (~30.000 km/Jahr): ~330 €/Monat
- Wartung und Verschleiß: ~120 €/Monat
- Parktickets und Knöllchen (ja, das gehört dazu): ~80 €/Monat
- Einrichtung (Regale, Sortimo-System): 3.000–8.000 € einmalig
Gesamtkosten Fahrzeug: ca. 1.430 €/Monat = 17.160 €/Jahr
Bei 2 Fahrzeugen (3-Mann-Betrieb): 34.320 €/Jahr — allein für Mobilität.
Und dann die Parkplatz-Situation: In Großstädten verbringt ein Handwerker heute durchschnittlich 20–40 Minuten pro Einsatz mit Parkplatzsuche, Aus- und Einladen und dem Weg zum Kunden. Das ist unbezahlte Zeit. Zwei Einsätze am Tag = bis zu 80 Minuten, die nicht auf der Rechnung stehen.
Manche Handwerker behelfen sich mit kleinen Kastenwagen (VW Caddy) und Anhänger. Aber: Ein Anhänger braucht auch einen Parkplatz, muss versichert werden, und in vielen Innenstädten darf man mit Anhänger nicht in Tiefgaragen oder enge Wohnstraßen. Es gibt keine gute Lösung.
Das Gewährleistungs-Risiko: 5 Jahre Haftung für jede Schraube
Was viele Kunden nicht wissen: Handwerker haften 5 Jahre lang für ihre Arbeit (VOB: 4 Jahre bei privaten Bauvorhaben, BGB: 5 Jahre). Das bedeutet:
- Eine Fuge, die nach 4 Jahren reißt → kostenlose Nachbesserung
- Ein Rohr, das nach 3 Jahren undicht wird → kostenlose Reparatur
- Eine Wärmedämmung, die nach 2 Jahren Feuchtigkeit zieht → kostenloser Rückbau und Neuaufbau
Die Gewährleistungsrückstellung — also das Geld, das ein Betrieb beiseitelegen muss, um eventuelle Nachbesserungen bezahlen zu können — frisst 2–5 % des Jahresumsatzes. Bei einem 400.000-€-Betrieb sind das 8.000–20.000 €, die nicht ausgegeben werden können, sondern als Reserve bereitliegen müssen.
Und das Risiko steigt, weil:
- Materialien komplexer werden: Moderne Verbundwerkstoffe, Wärmepumpen-Systeme und Smart-Home-Installationen haben mehr Fehlerquellen als ein klassisches Kupferrohr.
- Kunden anspruchsvoller werden: Was früher als „normal" galt (minimale Farbunterschiede, kleine Unebenheiten), führt heute zu Reklamationen.
- Rechtsschutzversicherungen günstig sind: Immer mehr Kunden klagen wegen Kleinigkeiten, weil die Rechtsschutz es „kostenlos" macht.
Die Wetter-Realität: Arbeiten, wenn andere nicht mal den Hund rauslassen
Dachdecker bei 35 °C im August. Maurer bei –8 °C im Januar. Gartenbauer im strömenden Regen. Elektriker auf dem unbeheizten Dachboden. Das ist Alltag — nicht die Ausnahme.
Während der Kunde im Homeoffice die Heizung aufdreht und sich beschwert, dass der Handwerker „schon wieder Pause macht", steht der Handwerker draußen und kann seine Finger nicht mehr spüren. Die 15 Minuten Kaffeepause in seinem Transporter sind keine Faulheit — sie sind Arbeitsschutz. Bei Minusgraden oder extremer Hitze sind regelmäßige Pausen sogar gesetzlich vorgeschrieben.
🌡️ Was Kunden nicht sehen
- Der Dachdecker, dessen Knie nach 20 Jahren kaputt sind — weil er jeden Tag 8 Stunden auf Dachziegeln gekniet hat
- Der Maler, der mit 50 Schulterschmerzen hat, weil er 25 Jahre lang über Kopf gearbeitet hat
- Der Maurer, der morgens um 6:30 auf der Baustelle steht, während es noch dunkel und kalt ist
- Der SHK-Installateur, der im Keller in einer Pfütze liegt und ein Rohr wechselt
- Der Elektriker, der im Sommer auf einem Dachboden arbeitet, wo es 50 °C hat
Diese körperliche Belastung hat einen Preis. Handwerker gehen im Schnitt 2–3 Jahre früher in Rente als Büroarbeiter — und haben danach oft mit Berufskrankheiten zu kämpfen (Knie, Rücken, Lunge, Gehör).
Der Kunde zählt die Minuten — aber nicht die richtigen
Ein Phänomen, das fast jeder Handwerker kennt: Der Kunde steht am Fenster und beobachtet. Wie lange braucht der? Warum steht der gerade rum? Warum trinkt der schon wieder Kaffee?
Was der Kunde nicht sieht:
- Die 45 Minuten Vorbereitung im Betrieb: Material zusammenstellen, Fahrzeug beladen, Route planen, Auftragsmappe prüfen
- Die 30 Minuten Anfahrt (unbezahlt oder pauschal vergütet, aber nie kostendeckend)
- Die 20 Minuten Parkplatzsuche und Ausladen
- Die Nacharbeit: Dokumentation, Protokoll, Fotos für die Akte, Rechnung schreiben
- Die 2 Stunden Angebotserstellung letzte Woche — für den Auftrag, den der Kunde dann doch nicht erteilt hat
- Die Reklamation vom letzten Monat, die 3 Stunden kostenlose Nacharbeit erfordert hat
Von den 8 Stunden, die ein Handwerker offiziell „arbeitet", sind nur 5–6 Stunden produktive, abrechenbare Arbeitsstunden. Der Rest ist Logistik, Verwaltung und unbezahlte Vor- und Nacharbeit. Die 70 €/Stunde gelten nur für die produktiven Stunden — aber die sind das Ergebnis eines gesamten Arbeitstages.
Das verschwundene Trinkgeld
Früher war es selbstverständlich: Wenn die Handwerker gute Arbeit gemacht haben, gab es am Ende Trinkgeld. 10 € pro Mann, ein Kasten Bier, manchmal eine Flasche Schnaps. Ein kleines Zeichen der Wertschätzung.
Heute? Kommt kaum noch vor. Die Gründe sind nachvollziehbar — aber für die Handwerker frustrierend:
- „Ich zahle schon so viel": Bei einer Rechnung von 3.000 € denkt der Kunde: „Da geb ich jetzt nicht noch 30 € Trinkgeld obendrauf." Verständlich — aber die 3.000 € sieht der Geselle nie. Er bekommt seinen Stundenlohn, egal ob der Auftrag 1.000 € oder 10.000 € groß ist.
- Kartenzahlung: Immer mehr Kunden zahlen per Überweisung. Da denkt niemand an Trinkgeld.
- Anonymisierung: Über Plattformen vermittelte Handwerker sind „der Maler von MyHammer", nicht „der Herr Müller von nebenan". Zu einem Unbekannten ist man weniger großzügig.
Dabei macht Trinkgeld für den einzelnen Gesellen einen echten Unterschied. 3 × 10 € pro Woche = 120 € im Monat = fast ein Wocheneinkauf für die Familie. Es ist kein Luxus — es ist Wertschätzung für harte Arbeit.
💡 An alle Auftraggeber: So zeigen Sie Wertschätzung
- Trinkgeld: 5–10 € pro Person bei einem Tageseinsatz ist eine nette Geste, die enorm viel bewirkt.
- Kaffee und Wasser: Klingt banal, aber viele Kunden bieten nicht mal das an. Ein heißer Kaffee im Winter zeigt: Ich sehe euch als Menschen, nicht als Dienstleister.
- Toilette: Lassen Sie die Handwerker Ihre Toilette benutzen. Nichts ist demütigender als „können Sie bitte die Tankstelle um die Ecke benutzen?"
- Positive Bewertung: Eine 5-Sterne-Google-Bewertung kostet Sie nichts und bringt dem Betrieb bares Geld — weil gute Bewertungen neue Kunden bringen.
- Pünktliche Zahlung: Zahlen Sie die Rechnung innerhalb von 14 Tagen. Jeder Tag Verzug kostet den Handwerker Liquidität.
Was sich ändern muss
Die Diskussion über Handwerkerpreise wird falsch geführt. Die Frage ist nicht: „Warum sind Handwerker so teuer?" Die Frage muss lauten: „Warum ist es so teuer, Handwerker zu sein?"
Die Antwort liegt in einem System aus wachsender Bürokratie, steigenden Abgaben, explodierenden Materialkosten und immer höheren Qualifikationsanforderungen — während gleichzeitig erwartet wird, dass die Preise „fair" bleiben. Fair für wen?
Wer als Gesellschaft will, dass es in 10 Jahren noch Handwerker gibt, die Dächer decken, Heizungen installieren und Wohnungen renovieren, muss bereit sein, dafür zu bezahlen. Nicht 150 € die Stunde. Aber 70 € — mit dem Wissen, was davon wirklich beim Handwerker ankommt — ist kein Wucher. Es ist die Untergrenze des Überlebens.
Häufige Fragen
Wie viel verdient ein Handwerker wirklich pro Stunde?
Von einem Stundensatz von 70 € bleiben dem Betrieb nach allen Abzügen (MwSt., Lohn, Fahrzeug, Werkzeug, Versicherung, Verwaltung, Steuern) nur ca. 9–13 € als tatsächlicher Unternehmerlohn. Ein angestellter Geselle verdient je nach Region und Gewerk 16–22 € brutto/Stunde.
Warum brauchen Handwerker heute so viel Werkzeug?
Moderne Anforderungen wie Smart Home, Wärmepumpen, E-Mobilität, digitale Dokumentation und verschärfte Vorschriften (GEG, Asbest, Kältemittel) erfordern Spezialwerkzeug und Messgeräte, die es vor 10 Jahren nicht gab. Die Erstinvestition eines kleinen Elektrobetriebs liegt bei über 30.000 €.
Warum ist der Handwerker-Stundensatz so hoch?
Weil die Kosten massiv gestiegen sind: Löhne +63 % (Mindestlohn), Diesel +59 %, Fahrzeuge +71 %, Versicherungen +100 %, Material +90–113 % — alles in 10 Jahren. Die Stundensätze sind dagegen nur um ~44 % gestiegen. Die Marge sinkt seit Jahren.
Sollte man Handwerkern Trinkgeld geben?
Ja, wenn Sie zufrieden waren. 5–10 € pro Person bei einem Tageseinsatz ist eine nette Geste. Das Geld geht direkt an den Gesellen (nicht an den Betrieb) und macht für einen Handwerker mit 2.800 € netto einen echten Unterschied. Alternativ: Kaffee, Wasser und eine gute Google-Bewertung.