Handwerk vs. Studium: Der ehrliche Karrierevergleich
Gehalt, Jobsicherheit, Zufriedenheit und Aufstiegschancen im Vergleich. Warum Handwerk oft die klügere Wahl ist.
Redaktion handwerk.cloud
12. Februar 2026
Ein 16-Jähriger steht vor der Entscheidung seines Lebens: Abitur und Studium — oder Handwerksausbildung? Seine Eltern raten zum Studium. Die Lehrer auch. Die Gesellschaft sowieso. Aber niemand hat nachgerechnet.
Wir haben nachgerechnet. Und die Zahlen erzählen eine andere Geschichte als Ihr Berufsberater.
Der Zeitstrahl: Wann verdient wer wie viel?
Stellen wir zwei junge Menschen vor. Beide sind 16, beide intelligent, beide fleißig. Luca beginnt eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker SHK. Marie macht Abitur und studiert BWL.
| Alter | 🔧 Luca (SHK-Ausbildung) | 🎓 Marie (BWL-Studium) |
|---|---|---|
| 16 | Ausbildung: +1.008 €/Monat | Schule: 0 € / Kosten für Eltern |
| 17 | Ausbildung: +1.060 €/Monat | Schule: 0 € |
| 18 | Ausbildung: +1.163 €/Monat | Abitur: 0 € |
| 19 | Geselle: +2.800 €/Monat brutto | Studium: –950 €/Monat (Kosten) |
| 20–21 | Geselle: +3.200 €/Monat brutto | Studium: –950 €/Monat |
| 22 | Geselle mit Berufserfahrung: +3.500 €/Monat | Bachelor fertig — Jobsuche |
| 23–24 | Meisterschule (berufsbegl.) + Geselle | Einstieg: +3.400 €/Monat brutto |
| 25 | Meister: +4.500 €/Monat | +3.800 €/Monat brutto |
| 28 | Option: Eigener Betrieb | +4.200 €/Monat |
Die große Rechnung: Was hat wer mit 25 verdient?
🔧 Luca (Handwerk) — Kumuliertes Einkommen bis 25
- 3,5 Jahre Ausbildung (Ø 1.080 €/Monat): +45.360 €
- 5,5 Jahre Geselle (Ø 3.200 €/Monat brutto): +211.200 € brutto
Kumuliertes Bruttoeinkommen mit 25: ~256.560 €
Dazu: Rentenansprüche seit dem 16. Lebensjahr, Berufserfahrung, praktisches Know-how
Schulden: 0 €
🎓 Marie (BWL-Studium) — Kumuliertes Einkommen bis 25
- 2 Jahre Oberstufe (kein Einkommen): 0 €
- 3 Jahre Studium (kein/wenig Einkommen, Kosten ~950 €/Monat): –34.200 € Kosten
- 3 Jahre Berufseinstieg (Ø 3.600 €/Monat brutto): +129.600 € brutto
Kumuliertes Bruttoeinkommen mit 25: ~95.400 € (netto nach Studienkosten)
Dazu: möglicherweise BAföG-Schulden (max. 10.010 €), keine Berufserfahrung bis 22
Schulden: 0 – 10.010 €
Differenz mit 25 Jahren: ca. 161.000 € zugunsten des Handwerkers. Das ist kein Rundungsfehler. Das ist die Realität eines Systems, das Studieren glorifiziert und Handwerk unterschätzt.
Die Ausbildungsvergütung 2026: Ab Tag 1 verdienen
Während Studierende BAföG-Anträge ausfüllen und Minijobs suchen, verdient ein Auszubildender im Handwerk ab dem ersten Tag:
| Gewerk | 1. Jahr | 2. Jahr | 3. Jahr | Summe 3 Jahre |
|---|---|---|---|---|
| SHK (Anlagenmechaniker) | 1.008 € | 1.060 € | 1.163 € | ~38.772 € |
| Elektroniker (Bayern) | 1.303 € | 1.365 € | 1.444 € | ~49.344 € |
| Dachdecker | 1.050 € | 1.200 € | 1.460 € | ~44.520 € |
| Maurer (Baugewerbe) | 1.080 € | 1.351 € | 1.610 € | ~48.492 € |
| Maler und Lackierer | 900 € | 985 € | 1.150 € | ~36.420 € |
Ein Maurer-Azubi verdient in 3 Jahren Ausbildung über 48.000 €. Ein Student hat in derselben Zeit über 34.000 € ausgegeben — oder Schulden gemacht. Die Differenz: 82.000 €.
Meister = Bachelor: Die Gleichstellung, die niemand kennt
📋 Der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR)
| DQR-Stufe | Berufliche Bildung | Akademische Bildung |
|---|---|---|
| Stufe 4 | Gesellenprüfung / Facharbeiter | — |
| Stufe 5 | Techniker / Fachwirt (geprüft) | — |
| Stufe 6 | Handwerksmeister ✅ | Bachelor ✅ |
| Stufe 7 | Betriebswirt (HwO) | Master |
| Stufe 8 | — | Doktor / Promotion |
Seit 2020 dürfen Handwerksmeister den Titel „Bachelor Professional" führen. Der Betriebswirt (HwO) ist dem Master gleichgestellt. Das ist keine Marketing-Aktion — es ist geltendes Recht.
Was Studieren wirklich kostet — die versteckten Ausgaben
| Kostenposition | Monatlich | 3 Jahre |
|---|---|---|
| Miete (WG-Zimmer/Wohnheim) | 420 € | 15.120 € |
| Essen | 250 € | 9.000 € |
| Semesterbeitrag | ~55 € (Ø 330 €/Semester) | 1.980 € |
| Krankenversicherung (ab 25) | 120 € | 1.440 € |
| Bücher, Laptop, Software | ~40 € | 1.440 € |
| Freizeit, Handy, Kleidung | ~150 € | 5.400 € |
| Gesamtkosten Studium (3 Jahre) | ~1.035 € | ~34.380 € |
34.380 € ausgegeben — oder als BAföG-Schulden angehäuft. Der Handwerker hat in derselben Zeit 38.000–49.000 € verdient. Die Differenz zwischen den beiden Lebenswegen beträgt schon nach 3 Jahren 72.000–83.000 €.
Der Meister-Gehaltslauf: Was man mit Handwerk wirklich verdienen kann
| Gewerk | Geselle Ø | Meister (angestellt) | Meister (selbstständig) |
|---|---|---|---|
| SHK | 36.000 € | 53.800–60.300 € | 90.000–100.000 €+ |
| Elektro | 38.000 € | 50.000–55.000 € | 80.000–120.000 €+ |
| Dachdecker | 34.000 € | 50.000–56.100 € | 70.000–100.000 €+ |
| Zimmerer | 35.000 € | 45.000–49.400 € | 70.000–110.000 €+ |
| BWL-Bachelor (Vergleich) | — | 37.600–41.000 € | Sehr selten selbstständig |
Ein SHK-Meister verdient als angestellter Meister mehr als die meisten BWL-Bachelor-Absolventen. Als selbstständiger Meister mit eigenem Betrieb und 3–5 Mitarbeitern sind sechsstellige Jahresüberschüsse möglich — und das ist keine Ausnahme, sondern bei gut geführten Betrieben die Regel.
Das Lebenseinkommen: Die Überraschung
📊 Studie des IAW (Institut für angewandte Wirtschaftsforschung)
Meister und Techniker verdienen über ihr gesamtes Arbeitsleben (ca. 40 Jahre) in etwa so viel wie Personen mit abgeschlossenem Hochschulstudium: rund 1,4 Millionen Euro brutto.
Der Unterschied: Meister verdienen bis zum Alter von 36 Jahren oft mehr als Akademiker, weil sie 5–7 Jahre früher ins Berufsleben eingestiegen sind. Akademiker holen ab Mitte 30 auf — aber der Vorsprung des früheren Verdienstes (und dessen Zinseszinseffekt) ist schwer einzuholen.
Der unsichtbare Vorteil: Alles am eigenen Haus selbst machen
Über diesen Vorteil spricht kaum jemand — aber er ist finanziell gewaltig:
Wer eine Handwerksausbildung hat, kann am eigenen Haus fast alles selbst machen. Das spart nicht nur die Handwerkerkosten für Fremdfirmen, sondern ermöglicht auch eine ganz andere Lebensqualität:
| Was der Handwerker selbst macht | Was ein Akademiker dafür zahlt | Ersparnis (Lifetime) |
|---|---|---|
| Heizung warten & kleinere Reparaturen | 300–600 €/Jahr | 12.000–24.000 € |
| Wände streichen (alle 5–7 Jahre) | 2.500–4.000 € pro Mal | 15.000–28.000 € |
| Bad renovieren (1–2 Mal) | 12.000–20.000 € pro Mal | 12.000–40.000 € |
| Garten anlegen und pflegen | 15.000–35.000 € | 15.000–35.000 € |
| Boden verlegen (2–3 Mal) | 2.500–4.000 € pro Mal | 5.000–12.000 € |
| Dachgeschoss ausbauen | 15.000–30.000 € | 10.000–25.000 € |
| Diverse Reparaturen (laufend) | 500–2.000 €/Jahr | 20.000–80.000 € |
| Gesamt (über 40 Jahre Eigenheim) | — | 89.000–244.000 € |
Ein Handwerker mit Eigenheim spart im Laufe seines Lebens mindestens 89.000 € — realistisch eher 150.000 € und mehr. Das ist ein Kleinwagen. Oder 5 Jahresurlaube. Oder die Ausbildung der eigenen Kinder. Diesen Vorteil hat kein BWL-Absolvent.
Jobsicherheit: Handwerker werden immer gebraucht
Fachkräftemangel = Jobgarantie
Dem Handwerk fehlen aktuell 250.000 Fachkräfte. Wer eine abgeschlossene Ausbildung hat, kann sich seinen Arbeitgeber aussuchen — nicht umgekehrt.
KI-sicher
ChatGPT kann Texte schreiben, aber keine Heizung installieren. Handwerk ist einer der wenigen Bereiche, der durch Automatisierung nicht bedroht ist.
Energiewende = Dauerboom
Wärmepumpen, Photovoltaik, E-Ladeinfrastruktur, Gebäudesanierung — die politischen Vorgaben (GEG, EU-Sanierungspflicht) sichern Jahrzehnte an Auftragslage.
Regionale Unabhängigkeit
Ein Handwerker kann überall in Deutschland arbeiten — Stadt, Land, Küste, Berge. Er ist nicht an einen Konzern-Standort oder eine Branche gebunden.
Die Karriereleiter im Handwerk: Mehr Stufen als Sie denken
Ausbildung (3–3,5 Jahre)
Gesellenbrief, erstes Einkommen, praktische Fähigkeiten
Geselle mit Berufserfahrung (2–5 Jahre)
Spezialisierung, höheres Gehalt, Verantwortung
Meisterprüfung = Bachelor Professional (DQR 6)
Fachliche Spitze + betriebswirtschaftliche Kompetenz + Ausbildungsberechtigung
Eigener Betrieb / Führungsposition
Selbstständigkeit, Mitarbeiterführung, unternehmerische Freiheit
Betriebswirt (HwO) = Master (DQR 7)
Höchste kaufmännische Qualifikation im Handwerk, strategische Unternehmensführung
Optional: Studium nach dem Meister
Mit Meistertitel allgemeine Hochschulzugangsberechtigung — studieren ohne Abitur
Der Weg vom Lehrling zum Unternehmer mit Master-Äquivalent ist im Handwerk klar vorgezeichnet — und an jeder Stufe verdient man Geld, statt welches auszugeben.
Was Ihnen niemand über das Studium sagt
- 29 % der Bachelor-Studierenden brechen ab — und stehen dann mit 22–24 Jahren ohne Abschluss und ohne Berufserfahrung da. Ein Handwerksazubi hat mit 19 einen Gesellenbrief in der Tasche.
- Die Regelstudienzeit ist eine Illusion: Nur 30–40 % der Studierenden schaffen den Bachelor in 6 Semestern. Jedes zusätzliche Semester kostet Geld und Zeit.
- Nicht jeder Bachelor führt zum Traumjob: Mit einem BWL-Bachelor von einer durchschnittlichen FH steigt man bei 37.000 € brutto ein — weniger als ein Elektromeister.
- Überqualifizierung: Immer mehr Akademiker arbeiten in Jobs, für die gar kein Studium nötig wäre. Ein SHK-Meister arbeitet als das, wofür er ausgebildet ist — und wird dafür auch angemessen bezahlt.
Fazit: Das Handwerk hat nicht nur goldenen Boden — es hat die bessere Rendite
Wer heute 16 ist und sich für eine Handwerksausbildung entscheidet, hat mit 25:
- ✅ 256.000 € brutto verdient (statt 95.000 €)
- ✅ 0 € Schulden (statt bis zu 10.010 € BAföG)
- ✅ Einen Bachelor-äquivalenten Abschluss (Meister = DQR 6)
- ✅ Die Option, einen eigenen Betrieb zu gründen
- ✅ Die Fähigkeit, am eigenen Haus alles selbst zu machen (Ersparnis: 150.000 €+)
- ✅ Einen Beruf, der nicht durch KI ersetzt werden kann
- ✅ 9 Jahre Rentenansprüche mehr als der Akademiker
- ✅ Einen krisensicheren Job mit 250.000 offenen Stellen
Studieren ist kein schlechter Weg. Aber Handwerk ist kein schlechterer. Und wer nur die Zahlen betrachtet, kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Ausbildung im Handwerk ist für viele junge Menschen die finanziell klügste Entscheidung ihres Lebens.
Häufige Fragen
Ist der Meister wirklich dem Bachelor gleichgestellt?
Ja. Im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) sind beide auf Stufe 6 eingeordnet. Seit 2020 dürfen Meister den Titel „Bachelor Professional" führen. Der Betriebswirt (HwO) ist sogar dem Master gleichgestellt (DQR Stufe 7).
Wie viel verdient ein Handwerker mit Meister?
Angestellt: 48.000–60.000 € brutto/Jahr je nach Gewerk. Selbstständig mit eigenem Betrieb: 70.000–120.000 € Jahresüberschuss möglich. SHK-Meister und Elektromeister liegen am oberen Ende.
Wie viel verdient man in der Handwerksausbildung?
2026: je nach Gewerk 900–1.460 € brutto/Monat. Maurer und Elektroniker verdienen am meisten (bis 1.610 € im 3. Jahr). In 3 Jahren Ausbildung summiert sich das auf 36.000–49.000 €.
Kann ich nach dem Meister noch studieren?
Ja. Der Meisterbrief berechtigt zur allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung — Sie können damit jedes Fach an jeder Hochschule studieren, auch ohne Abitur. Und einige Hochschulen rechnen berufliche Kompetenzen auf das Studium an.
Quellen und weiterführende Links
Studien und Quellen
- IAW Tübingen: Lebenseinkommen von Berufsausbildung und Hochschulstudium im Vergleich
- Deutscher Qualifikationsrahmen (DQR) — offizielle Seite