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Handwerker-Stundensatz: Warum 60–90 € pro Stunde?

Was wirklich im Stundensatz steckt: Lohn, Sozialabgaben, Fahrzeuge, Werkzeug und Gewinn. Die ehrliche Aufschlüsselung.

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Wirtschafts-Redaktion handwerk.cloud

5. März 2025

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„60 € die Stunde?! Da verdient der ja mehr als mein Arzt!" — Diesen Satz hören Handwerker fast täglich. Aber die 60 € sind nicht das, was der Handwerker verdient. In Wahrheit bekommt der Geselle davon nur 15–20 € in die Tasche. Der Rest sind Betriebskosten, Steuern und Risiko.

Wir zeigen Ihnen, was wirklich im Stundensatz steckt — und warum der Handwerker damit oft weniger als ein Büroarbeiter verdient.

Was ist ein Stundenverrechnungssatz?

Der Stundenverrechnungssatz ist nicht der Lohn des Handwerkers. Es ist der Betrag, den ein Betrieb pro Arbeitsstunde berechnen muss, um alle Kosten zu decken und einen kleinen Gewinn zu erwirtschaften.

Die Formel

Stundenverrechnungssatz = Bruttolohn + Lohnnebenkosten + Gemeinkosten + Gewinn + Wagnis

All das muss durch die produktiven Stunden geteilt werden — und die sind weniger, als Sie denken.

Aufschlüsselung: Was steckt in 75 € Stundensatz?

Kostenblock € pro Stunde Anteil Was steckt drin?
Bruttolohn Geselle ~20,00 € 27 % Das, was der Mitarbeiter verdient (brutto). Bei ~3.400 €/Monat ÷ 170 produktive Stunden.
Lohnnebenkosten ~8,00 € 11 % Sozialversicherung (AG-Anteil ~21 %), BG, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
Unproduktive Zeiten ~7,50 € 10 % Anfahrt, Materialbeschaffung, Aufräumen, Wetterausfall, Einweisung — Zeit, die Sie nicht bezahlen, aber die trotzdem anfällt
Betriebliche Gemeinkosten ~18,50 € 25 % Büromiete, Fahrzeuge (Leasing, Diesel, Versicherung), Werkzeug und Maschinen, Software, Telefon, Buchhaltung, Steuerberater, Versicherungen
Meisterlohn / Geschäftsführung ~10,00 € 13 % Der Chef kalkuliert, akquiriert, verwaltet — auch das muss bezahlt werden
Gewinn & Wagnis ~7,50 € 10 % Rücklagen für schlechte Zeiten, unbezahlte Rechnungen, Investitionen
Risikozuschlag ~3,50 € 5 % Gewährleistung, Mängelbeseitigung, Forderungsausfälle
Gesamt 75,00 € 100 % Davon bleiben dem Betrieb netto: ~7,50 € (10 %)

💡 Das bedeutet konkret

Von 75 € Stundensatz bekommt der Geselle ~20 € brutto, davon bleiben nach Steuern und Sozialabgaben ~13 € netto in der Tasche.

Dem Betriebsinhaber bleiben nach Abzug aller Kosten ~7,50 € Gewinn pro Stunde. Bei einem 10-Stunden-Tag sind das 75 € — vor Einkommensteuer. Da verdient mancher Bürokaufmann vergleichbar.

Stundensätze nach Gewerk (Brutto, inkl. MwSt)

Gewerk Stundensatz (netto) Stundensatz (brutto, inkl. MwSt) Tendenz
Elektriker 55–80 € 65–95 € ↑↑ (Fachkräftemangel)
SHK / Heizung 60–85 € 71–101 € ↑↑ (Energiewende)
Dachdecker 55–75 € 65–89 €
Zimmerer 55–80 € 65–95 €
Tischler / Schreiner 50–70 € 60–83 €
Fliesenleger 45–65 € 54–77 €
Maurer 45–65 € 54–77 €
Maler & Lackierer 40–55 € 48–65 €
Trockenbauer 40–55 € 48–65 €

Regionale Unterschiede: In München, Hamburg oder Stuttgart liegen die Sätze 15–25 % über diesen Werten. In ländlichen Regionen oder in Ostdeutschland 10–20 % darunter. Details in unserer vollständigen Stundenlohn-Übersicht.

Warum Handwerker „teuer" sind — und warum das fair ist

Was viele nicht wissen: Produktive Stunden

Ein Geselle arbeitet ~1.700 Stunden pro Jahr (52 Wochen × 40 Stunden - Urlaub - Feiertage - Krankheit). Davon sind aber nur ~1.300 Stunden produktiv (= berechenbar). Die restlichen 400 Stunden gehen für Folgendes drauf:

Tätigkeit Stunden / Jahr Berechenbar?
Anfahrt zur Baustelle ~150 h Nein (außer Anfahrtspauschale)
Materialbeschaffung ~60 h Nein
Aufräumen, Reinigung ~80 h Nein
Schulungen, Weiterbildung ~40 h Nein
Wetter-/Wartezeiten ~50 h Nein
Summe unproduktiv ~380 h Muss über den Stundensatz gedeckt werden

Das erklärt, warum der Stundensatz so hoch sein muss: Der Betrieb bezahlt (und versichert) den Mitarbeiter für 1.700 Stunden, kann aber nur 1.300 Stunden in Rechnung stellen.

Der Vergleich: Handwerker vs. andere Dienstleister

Dienstleister Stundensatz Anmerkung
KFZ-Werkstatt 80–150 € Niemand beschwert sich
Rechtsanwalt 150–400 € Wird akzeptiert
Steuerberater 100–250 € Wird akzeptiert
IT-Techniker 80–180 € Wird akzeptiert
Handwerker 45–90 € „Viel zu teuer!"

Der Handwerker hat den niedrigsten Stundensatz, bekommt aber den meisten Gegenwind. Das liegt an der falschen Wahrnehmung, dass Handwerk einfache Arbeit sei. In Wahrheit erfordert es 3 Jahre Ausbildung, regelmäßige Fortbildung, teure Werkzeuge und körperlichen Einsatz bei Wind und Wetter.

Wie Sie als Kunde Kosten sparen — ohne den Handwerker zu drücken

1

Eigenleistung bei Vorarbeiten

Räumen Sie selbst aus, entfernen Sie alte Tapeten, schützen Sie Möbel ab. Spart 2-4 Stunden Arbeitszeit = 150-300 € gespart.

2

Material selbst besorgen

Fliesen, Farbe, Laminat — wenn Sie das Material selbst kaufen, sparen Sie den Materialaufschlag (15-25 %). Aber: Der Handwerker haftet dann nicht für Materialmängel.

3

Festpreise statt Stundenlohn vereinbaren

Bei klar definierten Leistungen ist ein Festpreis für beide Seiten besser: Sie haben Planungssicherheit, der Handwerker kann effizient arbeiten.

4

Nebensaison nutzen

Januar-März und November-Dezember sind bei vielen Gewerken ruhiger. Manche Betriebe bieten dann 10-15 % Rabatt, weil sie froh über jeden Auftrag sind.

5

Steuerabzug nutzen

Bis zu 1.200 € pro Jahr können Sie über §35a EStG von der Steuer absetzen. Das reduziert die effektiven Kosten um 20 %. Voraussetzung: Arbeitskosten separat auf der Rechnung + Überweisung (keine Barzahlung!).

Für Handwerker: So kalkulieren Sie Ihren Stundensatz richtig

📊 Kalkulationsschema (vereinfacht)

Bruttolohn Geselle 3.400 €/Monat
× 12 Monate + 13. Gehalt 44.200 €/Jahr
+ Lohnnebenkosten (~40 %) 17.680 €
= Personalkosten gesamt 61.880 €
÷ Produktive Stunden 1.300 h
= Personalkosten pro Stunde 47,60 €
+ Gemeinkosten-Zuschlag (~40 %) 19,04 €
+ Gewinn & Wagnis (~10 %) 6,66 €
= Stundenverrechnungssatz (netto) 73,30 €
+ 19 % MwSt 87,23 € brutto

Mehr zum Thema: Werkzeugkosten kalkulieren und Materialaufschlag berechnen

FAQ: Handwerker-Stundensatz

Warum kostet ein Handwerker 60–90 € pro Stunde?

Weil der Stundensatz nicht nur den Lohn des Mitarbeiters enthält, sondern auch Sozialabgaben (~40 %), Betriebskosten (Fahrzeuge, Werkzeug, Miete, Versicherungen), unproduktive Zeiten (Anfahrt, Material holen) und einen kleinen Gewinn (~10 %). Vom 75-€-Stundensatz bleiben dem Betrieb nur ~7,50 € Gewinn.

Was verdient ein Handwerker netto pro Stunde?

Ein Geselle verdient bei einem Stundensatz von 75 € ca. 13 € netto pro Stunde (20 € brutto, abzüglich Steuern und Sozialversicherung). Ein Meister von ~4.100 € brutto/Monat → ~15 € netto/Stunde. Details: Handwerker-Gehälter im Vergleich.

Welcher Handwerker ist am teuersten?

SHK-Installateure und Elektriker haben die höchsten Stundensätze (60–90 € netto). Das liegt am extremen Fachkräftemangel in diesen Gewerken und der hohen Verantwortung (Gas, Strom, Wasser).

Kann ich den Stundenlohn verhandeln?

Grundsätzlich ja — aber drücken Sie nicht auf den Preis, sondern auf den Umfang. Eigenleistung bei Vorarbeiten, eigenes Material, Festpreise statt Stundenlohn und Nebensaison-Termine sind klügere Hebel als Preisdruck. Mehr dazu: Handwerker-Preise verhandeln.

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