Zum Inhalt springen
allgemein9 Min. Lesezeit

Digitaler Produktpass für Beton, Stahl & Dämmstoffe 2028

Was der DPP für den Rohbau bedeutet: CO₂-Fußabdruck von Zement, Beton und Stahl wird ab 2028 transparent. Pflichten und Vorbereitung für Maurer und Betonbauer.

John Neufeldt·4. Mai 2026
Geprüfte Fachbetriebe🔒Sichere Daten (SSL)💯Kostenlos & unverbindlich4,8/5 Kundenbewertung

🧱 Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Wann: Zement, Beton, Stahl und Dämmstoffe stehen ganz oben auf der EU-Prioritätsliste. Erste DPP-pflichtige Produkte realistisch ab Ende 2027 / Lauf 2028.
  • Warum Priorität: Beton und Stahl verursachen zusammen über 15 % der globalen CO₂-Emissionen – deshalb hat die EU diesen Produktgruppen höchste Priorität gegeben.
  • Was neu ist: CO₂-Fußabdruck (GWP), Recyclinganteil, Schadstoffgehalte werden standardisiert ausgewiesen – viele dieser Daten existieren schon in EPDs, werden aber durch den DPP erstmals Pflicht.
  • Was Rohbau-Betriebe müssen: DPP-Daten bei Materialannahme scannen, in Bauakte integrieren, für Nachweis und Übergabe bereithalten.

Kein anderes Material hat einen höheren CO₂-Fußabdruck in der globalen Bauindustrie als Zement und Stahl. Die Herstellung von Portlandzement allein ist für etwa 8 % der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich. Bewehrungsstahl kommt noch einmal hinzu. Dazu kommen Dämmstoffe, deren Herstellung zwar weniger CO₂ erzeugt, dafür aber mit Schadstoffen und Recyclingproblemen belastet ist.

Genau deshalb hat die EU diese Materialgruppen in die erste Prioritätswelle der Bauprodukteverordnung gesetzt. Der Digitale Produktpass soll CO₂-Emissionen sichtbar machen, Recyclinganteile dokumentieren und die Kreislaufwirtschaft im Rohbau vorantreiben.

Dieser Artikel erklärt, welche Produkte wann betroffen sind, was im DPP für Rohbau-Materialien stehen wird, und was Maurer, Betonbauer, Zimmerer und andere Rohbau-Gewerke jetzt vorbereiten sollten.


Welche Rohbau-Materialien kommen wann?

Produktgruppe EU-Priorität Realistischer DPP-Stichtag
Zement, Baukalk, hydraulische Bindemittel 🔴 Höchste Priorität Ende 2027 / Anfang 2028
Betonfertigteile, Betonwaren 🔴 Höchste Priorität 2028
Bewehrungsstahl, Spannstahl 🔴 Höchste Priorität 2028
Strukturelle Holzprodukte (KVH, BSH, Brettsperrholz) 🔴 Erste Welle 2028
Wärmedämmstoffe (EPS, Mineralwolle, Holzfaser) 🔴 Erste Welle 2028
Gipskartonplatten, Gipsprodukte 🟡 Erste/zweite Welle 2028–2029
Mauerziegel, Kalksandstein, Porenbetonblöcke 🟡 Erste Welle 2028–2029
Bauholz, Schnittholz 🟡 Erste Welle 2028–2029

Warum Beton und Zement Priorität haben: CO₂ als Treiber

Die EU setzt Beton und Zement aus einem einfachen Grund an die Spitze: Hier liegt das größte Reduktionspotenzial.

Material Globaler CO₂-Anteil CO₂ pro Tonne
Portlandzement ~8 % weltweit 700–900 kg CO₂/t
Rohstahl (Hochofen) ~8 % weltweit 1.800–2.200 kg CO₂/t
Elektrostahl (Lichtbogenofen) Deutlich weniger 400–700 kg CO₂/t
EPS-Dämmstoff < 0,1 % 2.500–3.500 kg CO₂/t (aber geringe Mengen)
Mineralwolle < 0,1 % 1.200–1.800 kg CO₂/t

Der Unterschied zwischen Rohstahl und Elektrostahl zeigt exemplarisch, was der DPP leisten soll: Nicht jeder „Stahl" ist gleich. Wer Stahl mit hohem Rezyklatanteil aus dem Elektrolichtbogenofen bestellt, hat einen dramatisch kleineren CO₂-Fußabdruck als konventioneller Hochofenstahl. Heute sieht man das dem Produkt nicht an. Ab 2028 steht es im Pass.


Was steht im Beton-DPP?

Beton ist ein Gemisch aus Zement, Wasser, Gesteinskörnungen und Zusatzmitteln. Der DPP wird auf mehreren Ebenen ansetzen:

Für Beton (Ready-Mix und Betonfertigteile)

Datenpunkt Beispielwert Heute in EPD vorhanden?
CO₂-Fußabdruck (GWP A1–A3) 210 kg CO₂-eq/m³ (C25/30) ✅ In EPDs, aber nicht Pflicht
Zementgehalt 280 kg/m³ Teilweise
Zementtyp CEM II/A-S 42,5 (mit Schlacke) Nein
Recyclinggesteinsanteil 15 % Nein
Zusatzmittel (Fließmittel, Verzögerer) Art und Menge Nein
Betongüte und Expositionsklasse C25/30, XC3 ✅ Pflicht (Bauausführung)
Recyclingfähigkeit Granulat für Straßenbau: ja Nein
SVHC-Schadstoffe Chromat: < Grenzwert Teilweise

📊 Recyclingbeton: Der DPP macht den Unterschied sichtbar

Recyclingbeton (RC-Beton) mit rezyklierten Gesteinskörnungen nach DIN 4226-100 hat bis zu 30 % weniger CO₂-Fußabdruck als konventioneller Beton. Heute scheitert sein Einsatz oft daran, dass Bauherren und Auftraggeber ihn nicht von normalem Beton unterscheiden können.

Der DPP ändert das: Der Recyclinganteil steht direkt im Pass. Ausschreibungen können gezielt RC-Beton fordern. Betriebe, die ihn einsetzen, können das nachweisen.


Was steht im Stahl-DPP?

Für Bewehrungsstahl ist der CO₂-Fußabdruck der entscheidende Datenpunkt – und die Bandbreite ist enorm:

Stahltyp CO₂-Fußabdruck Herstellungsprozess
Hochofenstahl (Primärstahl) 1.800–2.200 kg CO₂/t Eisenerz + Kokskohle
Elektrostahl (80 % Schrott) 400–700 kg CO₂/t Lichtbogenofen, Schrottschmelze
Grüner Stahl (Wasserstoff-DRI) < 200 kg CO₂/t Pilotanlagen, ab 2028 skalierend

Der Bewehrungsstahl-DPP wird voraussichtlich enthalten:

  • CO₂-Fußabdruck (GWP A1–A3) in kg CO₂-eq/t
  • Herstellungsprozess (Hochofen oder Elektrolichtbogenofen)
  • Schrottanteil (bei Elektrostahl typisch 80–100 %)
  • Stahlgüte (B500B, B500C nach DIN 488)
  • Herkunft und Zertifizierung (z.B. ResponsibleSteel)
  • Recyclingfähigkeit (Stahl ist zu 100 % recycelbar)
👷‍♂️

Meister-Tipp

Ich kaufe Bewehrungsstahl bei zwei verschiedenen Lieferanten. Bisher war der Preis das einzige Kriterium. Mit dem DPP sehe ich plötzlich, dass einer davon Elektrostahl mit 80 % Schrottanteil liefert und der andere Hochofenstahl. Der CO₂-Unterschied ist dreifach. Das ist ein Argument, das ich gegenüber öffentlichen Auftraggebern nutzen kann.

Was steht im Dämmstoff-DPP?

Dämmstoffe sind die vielleicht komplexeste Produktgruppe im Rohbau-DPP: Sie unterscheiden sich fundamental in Herstellungsaufwand, Schadstoffen und Recyclingfähigkeit.

Dämmstoff CO₂-Fußabdruck Recyclingfähigkeit Schadstoffe
EPS (Styropor) 2.500–3.500 kg CO₂/t Technisch 80 %, real < 10 % HBCD (alt) → heute ersetzt
Mineralwolle (Stein/Glaswolle) 1.200–1.800 kg CO₂/t Technisch möglich, praktisch schwierig Keine bekannten SVHC
Holzfaserdämmstoff –500 bis 0 kg CO₂/t (CO₂-Senke) 100 % kompostierbar Keine
PUR/PIR-Hartschaum 3.000–5.000 kg CO₂/t Kaum recycelbar MDI (Isocyanate, kontrolliert)
Zellulosedämmstoff Sehr niedrig 100 % Keine

Der Dämmstoff-DPP wird voraussichtlich enthalten:

  • Lambda-Wert (Wärmeleitfähigkeit λ)
  • CO₂-Fußabdruck nach Lebenszyklusphase
  • Brandklasse (Euroklassen A1–F)
  • Schadstoffe und SVHC (besonders besorgniserregende Stoffe)
  • Recyclingfähigkeit und zugelassene Entsorgungswege
  • Atemschutzhinweise für die Verarbeitung

Holz und Holzwerkstoffe: Die CO₂-Senke im DPP

Konstruktionsholz und Holzwerkstoffe nehmen im DPP eine Sonderstellung ein: Holz bindet während seines Wachstums CO₂. Ein Kubikmeter Fichtenholz speichert etwa 1.000 kg CO₂. Dieser sogenannte biogene Kohlenstoff wird im DPP nach EN 15804 separat ausgewiesen.

Das hat Konsequenzen: Der CO₂-Fußabdruck von Holzkonstruktionen kann negativ sein – d.h. das Holz hat mehr CO₂ gebunden als seine Herstellung verursacht hat. Der DPP macht das transparent und könnte Holzkonstruktionen bei Ausschreibungen mit CO₂-Kriterien bevorzugen.

Holzwerkstoffe (OSB, Sperrholz, Brettsperrholz) enthalten zusätzlich Bindemittel und Leime, deren Schadstoffe (Formaldehyd, VOC) ebenfalls im DPP ausgewiesen werden.


EPD – was hat das mit dem DPP zu tun?

Viele Baustoffhersteller haben bereits heute Umweltproduktdeklarationen (EPD) nach ISO 14025 / EN 15804. Diese EPDs enthalten viele der Daten, die der DPP fordert – CO₂-Fußabdruck, Ressourcenverbrauch, Recyclingpotenzial.

Der DPP ist keine EPD – er ist aber eng mit ihr verknüpft:

  • EPD-Daten werden die Hauptdatenquelle für den CO₂-Teil des DPPs sein
  • Der DPP enthält darüber hinaus produktspezifische Seriennummern, Herkunftsnachweise und Reparaturhinweise – die EPD hat das nicht
  • Der DPP ist maschinenlesbar und per QR-Code abrufbar – die EPD ist ein statisches PDF-Dokument

Für Handwerksbetriebe bedeutet das: Wenn ein Lieferant schon heute EPDs für seine Produkte hat, ist er gut aufgestellt für den DPP. Fragen Sie gezielt danach.


Was Rohbau-Betriebe jetzt tun sollten

✅ Konkrete Schritte für Rohbau-Betriebe

Zeitraum Maßnahme
Jetzt (2026) Digitale Bauakte einrichten. Wichtigste Baustoff-Lieferanten identifizieren.
2027 Betonwerk, Stahllieferant, Dämmstoffhändler befragen: „Haben Sie EPDs? Wann kommt der DPP?" Handwerkersoftware ansprechen.
2028 DPP-Daten bei Materialannahme scannen. Pilotprojekt mit vollständiger Passdokumentation. CO₂-Daten für Ausschreibungen bereithalten.
Ab 2029 Produktpass-Dokumentation als Standard in allen Rohbau-Aufträgen. CO₂-Nachweise in Angebote und Ausschreibungen integrieren.

Fazit: Der Rohbau wird zum CO₂-Prüffeld

Der Digitale Produktpass wird den Rohbau transparenter machen – und das ist überfällig. Beton und Stahl sind die größten CO₂-Verursacher im Baubereich. Wer heute schon Elektrostahl bestellt, RC-Beton einsetzt oder Holzfaserdämmung verbaut, macht das richtig – aber ohne es belegen zu können. Das ändert sich ab 2028.

Für Maurer, Betonbauer, Zimmerer und Rohbau-Spezialisten bedeutet das: Der DPP wird kommen, er betrifft Ihre Kernmaterialien, und er bringt echten Nutzen – wenn man ihn als Dokumentationswerkzeug begreift, nicht als Bürde.


Häufige Fragen zum DPP für Baustoffe

Wann müssen Beton und Zement einen Digitalen Produktpass haben?

Zement, Baukalk, hydraulische Bindemittel und Betonfertigteile haben höchste Priorität in der neuen EU-Bauprodukteverordnung. Realistischer DPP-Stichtag: Ende 2027 / Anfang 2028.

Was steht im Beton-Produktpass?

Klassische Daten (Festigkeitsklasse, Expositionsklasse) plus neu: CO₂-Fußabdruck (GWP A1–A3), Zementgehalt und -typ, Recyclinggesteinsanteil, Zusatzmittel, Rezyklatanteil und Recyclingfähigkeit am Lebensende.

Wie unterscheidet sich Recyclingbeton (RC-Beton) im DPP?

Recyclingbeton mit rezyklierten Gesteinskörnungen nach DIN 4226-100 hat bis zu 30 % weniger CO₂-Fußabdruck. Der DPP weist diesen Recyclinganteil standardisiert aus – ein klares Argument bei nachhaltigkeitsorientierten Ausschreibungen.

Welcher Bewehrungsstahl hat den kleinsten CO₂-Fußabdruck?

Elektrostahl aus dem Lichtbogenofen mit 80 % Schrottanteil verursacht 400–700 kg CO₂/Tonne – etwa ein Drittel des Hochofenstahls (1.800–2.200 kg). Grüner Stahl mit Wasserstoff-Direktreduktion liegt unter 200 kg CO₂/t und kommt schrittweise auf den Markt.

Was hat eine EPD mit dem Digitalen Produktpass zu tun?

Eine EPD (Environmental Product Declaration) ist die zentrale Datenquelle für die CO₂- und Umweltdaten im DPP. Wer als Hersteller heute schon EPDs nach EN 15804 hat, ist gut auf den DPP vorbereitet.


🔗 Weiterführende Artikel auf handwerk.cloud


Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Die genauen DPP-Anforderungen für Beton, Stahl und Dämmstoffe werden durch delegierte Rechtsakte nach der EU-Bauprodukteverordnung (CPR 2024/3110) festgelegt. Für verbindliche Auskünfte wenden Sie sich an Ihre Handwerkskammer.

📤 Artikel teilen:

🚀 Early Access – Nur noch wenige Plätze frei

handwerk.cloud: Die Betriebssoftware für dein Handwerk

Plantafel, Monteur-App, Baudokumentation und automatische Arbeitsberichte – alles in einer Software. Für die ersten 50 Betriebe komplett kostenlos.

Drag & Drop PlantafelMonteur-AppPDF-BerichteZeiterfassung
45 €/Monat0 €

Für die ersten 50 Betriebe

Jetzt gratis Platz sichern
J

Fenster- & Bauelemente-Experte, Unternehmer

Veröffentlicht: 4. Mai 2026

John Neufeldt ist Unternehmer im Handwerk und Inhaber von Meylen.de (Fenstersysteme) sowie Garten-Eifel.de (GaLaBau). Sein Werdegang führt von der Fenstermontage über Schüco-zertifizierte Fertigung bis zur Geschäftsführung eines Fensterproduktionswerks. Auf handwerk.cloud teilt er sein Praxiswissen zu Fenstern, Haustüren, Garagentoren und Betriebsführung im Handwerk.

📚 Weiterlesen