Fallschutz
Fallschutz – Technische und organisatorische Maßnahmen zum Schutz vor Abstürzen bei Arbeiten in der Höhe
Was ist Fallschutz?
Fallschutz umfasst sämtliche technischen, organisatorischen und persönlichen Maßnahmen, die Abstürze bei Arbeiten in der Höhe verhindern oder deren Folgen minimieren. Abstürze sind mit Abstand die häufigste tödliche Unfallursache im Baugewerbe — laut BG Bau sterben jährlich rund 30 Beschäftigte bei Absturzunfällen in Deutschland.
Rangfolge der Schutzmaßnahmen (STOP-Prinzip)
Die DGUV schreibt eine klare Hierarchie der Schutzmaßnahmen vor — individueller Schutz (PSAgA) ist immer die letzte Option:
| Priorität | Maßnahmenart | Beispiele | Wann einsetzen? |
|---|---|---|---|
| 1 (höchste) | S — Substitution | Arbeit vom Boden, Hubarbeitsbühne | Immer zuerst prüfen |
| 2 | T — Technisch kollektiv | Schutzgeländer, Gerüst, Absperrung | Wenn S nicht möglich |
| 3 | O — Organisatorisch | Sicherungsposten, Zugangsbeschränkung | Ergänzend zu T |
| 4 (letzte) | P — Persönlich (PSAgA) | Auffanggurt + Falldämpfer + Anschlagpunkt | Nur wenn 1–3 nicht möglich |
Grundsatz: Kollektive Maßnahmen haben immer Vorrang vor persönlichen. Ein Gerüst ist immer sicherer als ein Auffanggurt.
Absturzhöhen nach Vorschrift
| Situation / Norm | Absturzhöhe | Erforderliche Maßnahme |
|---|---|---|
| Allgemein (DGUV R 100-001) | > 1,0 m | Schutzmaßnahmen erforderlich |
| Dacharbeiten (DGUV R 201-054) | > 3,0 m | Gerüst oder PSAgA |
| Gerüste (TRBS 2121 Teil 1) | > 2,0 m | Seitenschutz (Geländer) |
| Öffnungen in Decken > 9 m² | Jede Höhe | Abdeckung oder Absturzsicherung |
| Wasser / aggressive Stoffe | Jede Höhe | Immer sichern |
| Verkehrswege auf Baustellen | > 1,0 m | Umwehrung (Geländer) |
Fallschutz-Systeme im Detail
1. Schutzgeländer (kollektiv)
Das Standardsystem für die meisten Baustellen:
| Komponente | Anforderung |
|---|---|
| Handlauf | 1,0 m Höhe (Dach: 1,0 m) |
| Zwischenholm | In halber Höhe (ca. 0,50 m) |
| Fußleiste | 15 cm Höhe (gegen herabfallende Teile) |
| Material | Stahl, Aluminium oder Holz (mind. Ø 48 mm) |
| Belastung | Mind. 300 N/m in jeder Richtung |
2. Fangnetze (auffangend)
| Merkmal | Anforderung nach EN 1263 |
|---|---|
| Maschenweite | Max. 100 mm |
| Netztiefe (Durchhang) | Mind. 2,0 m unter Arbeitsebene |
| Auffanghöhe | Max. 6,0 m |
| Randverstärkung | Stahlseil Ø 6 mm |
| Max. Fläche | 200 m² (je Netzfeld) |
3. PSAgA — Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz
| Bestandteil | Norm | Funktion |
|---|---|---|
| Auffanggurt | EN 361 | Körperumschließendes Rückhaltesystem |
| Verbindungsmittel | EN 354/355 | Seil/Band + Falldämpfer |
| Anschlageinrichtung | EN 795 | Sicherer Befestigungspunkt (mind. 10 kN) |
| Höhensicherungsgerät | EN 360 | Automatischer Rückzug mit Fangfunktion |
| Sicherungsseil (Steigschutz) | EN 353 | An Leiter oder Schiene geführt |
Achtung: Der Sturzraum unter dem Anschlagpunkt muss mindestens die Auffangweglänge (typisch 4,5–6,0 m) betragen — sonst schlägt die Person trotz PSAgA auf!
Pflichten des Unternehmers
| Pflicht | Grundlage | Konsequenz bei Verstoß |
|---|---|---|
| Gefährdungsbeurteilung | ArbSchG § 5 | Bußgeld bis 25.000 € |
| Bereitstellung der Ausrüstung | ArbSchG § 3 | Bußgeld + Regressansprüche |
| Unterweisung (vor Erstbenutzung) | ArbSchG § 12 | Bußgeld bis 5.000 € |
| Jährliche Unterweisung | DGUV V1 § 4 | Bußgeld |
| Jährliche PSAgA-Prüfung | DGUV V1 § 3 | Bußgeld + Haftung bei Unfall |
| Rettungskonzept | DGUV R 112-198 | Haftung bei verzögerter Rettung |
Wichtig: Auch Einzelunternehmer ohne Mitarbeiter sind verpflichtet, Fallschutz-Maßnahmen zu ergreifen — die DGUV-Vorschriften gelten für alle Versicherten.
Kosten für Fallschutz-Systeme
| System | Kosten (Richtwerte 2026) | Einsatz |
|---|---|---|
| Dachgerüst (Miete) | 8–15 €/m² pro Monat | Dacharbeiten |
| Fassadengerüst (Miete) | 6–12 €/m² pro Monat | Fassade, Fenster |
| PSAgA-Set (Kauf) | 200–600 € pro Person | Individuelle Sicherung |
| Fangnetz (Kauf) | 2–5 €/m² | Dachflächen |
| Sekuranten (dauerhaft) | 80–200 € pro Stück + Montage | Dauerhafte Anschlagpunkte |
| Sicherheitsdachharken | 50–100 € pro Stück | Steildächer |
Prüffristen
| Ausrüstung | Intervall | Durch wen? |
|---|---|---|
| PSAgA (Auffanggurt, Verbindungsmittel) | Jährlich + vor jeder Benutzung | Befähigte Person (sachkundiger Prüfer) |
| Gerüste | Vor Benutzung + alle 3 Monate | Befähigte Person nach TRBS 2121 |
| Fangnetze | Vor Benutzung + regelmäßig | Sachkundiger nach EN 1263 |
| Anschlagpunkte (Sekuranten) | Jährlich | Sachkundiger nach EN 795 |
Nach einem Auffangstoß müssen Gurt und Verbindungsmittel sofort aus dem Verkehr gezogen und durch den Hersteller geprüft werden!
Häufige Fehler auf Baustellen
| Fehler | Konsequenz | Richtig machen |
|---|---|---|
| PSAgA ohne Unterweisung | Fehlbedienung, Haftung | Unterweisung vor Erstbenutzung, jährlich wiederholen |
| Anschlagpunkt nicht geprüft | Versagen im Sturzfall | Nur geprüfte Punkte mit mind. 10 kN verwenden |
| Sturzraum zu gering | Aufschlag trotz PSAgA | Sturzraumberechnung vor Arbeitsbeginn |
| Geländer ohne Fußleiste | Herabfallende Gegenstände | Immer 3-teiligen Seitenschutz montieren |
| Ungesicherte Dachöffnungen | Absturzgefahr | Sofort abdecken oder umwehren |
| Kein Rettungskonzept | Hängetrauma bei Auffang | Rettung innerhalb 20 Minuten planen |
Hängetrauma: Die unterschätzte Gefahr
Nach einem aufgefangenen Sturz mit Auffanggurt droht das Hängetrauma (orthostatischer Schock): Durch die Compression der Gurtbänder in den Beinen staut sich das Blut — nach 20–30 Minuten kann dies lebensbedrohlich werden.
Deshalb gilt: Jede Baustelle mit PSAgA-Einsatz braucht ein Rettungskonzept mit einer Zeitvorgabe von max. 20 Minuten bis zur Befreiung.
